Autorenprobleme: Footnote or not. That is the question!

Diese Frage habe ich meinen Freunden auf Facebook und den Lesern in der größten deutschsprachigen Büchergruppe gestellt, nachdem eine Leserin mich angeschrieben hat und sich statt der Liste mit Begriffserklärungen, die ich dem (virtuellen) Buch/E-Book beigefügt habe, lieber Fußnoten wünschte, die direkt an Ort und Stelle darauf hinweisen, was der ein oder andere Begriff bedeutet.

Es entspann sich hier wie da eine angeregte Diskussion, und ich danke ausdrücklich Angelika Charlemont, die ein sehr wichtiges Detail in die Runde warf:

„Ist die Info wirklich wichtig und muss sofort greifbar sein um wissenslücken zu schließen?“

Schlussendlich habe ich es für mich so zusammengefasst:

An der Frage „Fußnote oder nicht?“ scheiden sich die Geister respektive Leser ebenso, wie an der von Angelika Charlemont aufgebrachten Fragestellung.

Die Grundproblematik scheint darin zu bestehen, dass ein (großer, um nicht zu sagen: überwiegender) Teil meiner Leser anscheinend in der Lage ist, sich die Bedeutung der Wörter aus dem Kontext zu erschließen (Beispiele: Wenn etwas mittels der Formulierung „Bei …“ angerufen wird, handelt es sich um eine Gottheit; wenn etwas in Massen entlang von Anlegestegen aufgereiht ist, wo sonst nur wenige Schiffe auf dem Wasser schaukeln, wird klar, dass weitere Wasserfahrzeuge gemeint sind), bzw. es glücklicherweise ebenso wenig wie ich es als notwendig erachten, die Bedeutung jedes Wortes zu ergründen (Beispiele: Wenn statt am A-Tag nun auch am B- und C-Tag etwas aufgetischt wird, ist nur die Info wichtig, dass es das dreimal so oft gibt, und auch an einem Netz mit X-en, die der Bruder gefangen hat, wird sich nicht als störend aufgehalten).

Und dann gibt es die – ganz neu – an mich herangetragene Minderheitenmeinung, dass jedes Wort erklärt werden muss – selbst wenn das Wort sich der Leserin aus dem Kontext schon selbst erschlossen hat.
(„Mutter hatte versprochen, mich zu ihren Verwandten mitzunehmen, sobald ich alt genug wäre – um in der Heimat nach einem Heiratskandidaten zu schauen. Aber als man nach dem letzten Winter das Vieh wieder auf die Wiesen trieb und ich mit allen anderen Mädchen, die fünfzehn Winter gesehen hatten, meine Muntfeier beging, da war Mutter schon lange tot.“ – Leserin tippt auf „Ritual zur Frauwerdung“, ich so: „Hurra!“, sie so: „nee, das Nachdenken macht mir die Lesefreude kaputt“)

Ein Dilemma, das ich nicht auflösen kann, weil es keine Kompromisslösung gibt.
Denn ich bin der Ansicht, durch den vorangestellten Satz mit den Begriffen „alt genug“ und „Heiratskandidaten“ schon genügend Hinweise gegeben zu haben, sodass es nicht nötig ist, den Begriff „Muntfeier“ durch eine nachgeschobene Erklärung nochmals im Detail zu fixieren.

Im Endeffekt hat sich im Austausch mit der sehr netten Leserin herauskristallisiert, dass es weder an den Begriffen lag noch an meinen sparsamen, zum Rätseln auffordernden Erklärungen, sondern schlicht und ergreifend am Setting.
In der Zeitreise-Romanze, wo die Jetztzeit-Protagonistin und der ins Jetzt geplumpste Protagonist abwechselnd zu Wort kommen, gibt es nämlich mindestens ebenso viele Begriffe, die sich nur aus dem Kontext erschließen, als in dem erheblich knapperen Kurzroman („Wellenmädchen“, den jeder Newsletter-Abonnent geschenkt erhält), der rein in der Vergangenheit spielt.

Ich habe erkannt, dass anscheinend die innere Einstellung des Lesers („Oh, klasse, eine Zeitreise!“ vs. „Ach du grüne Neune! Historisch! Geschichtsunterricht war immer ätzend, damit mag ich mich gar nicht befassen“) ganz entscheidend dazu beiträgt, wie ein und die selbe „Schreibe“ beim Leser ankommt.

Das war sehr interessant und lehrreich für mich, das zu erfahren, und ich danke der Leserin sehr für ihre diesbezügliche Offenheit.
Auch die mir so freundlich gegebenen Antworten haben zu diesem Bild beigetragen, vielen herzlichen Dank an alle Wortmeldungen.

Im Endeffekt habe ich mich jetzt entschieden, es so zu halten, wie es dem wunderbaren, unvergesslichen Alan Rickman von Robert Gordon in „Galaxy Quest“ (einem meiner absoluten Lieblingsfilme! Dringende Kauf- und Anschauempfehlung!!!) in den Mund gelegt – und über den gesamten Film nicht aufgelöst – wurde:

“By Grabthar’s Hammer!”

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7 Gedanken zu “Autorenprobleme: Footnote or not. That is the question!

  1. Ich versuche es so zu halten: so einfach wie möglich schreiben und wenn es wirklich nicht anders geht, so versuche ich eine Erklärung im Gespräch mit einer anderen Person innerhalb der handlung zu finden. 🙂

    Das funktioniert bei mir dadurch, dass ich immer verschiedene Charaktäre aus verschiedenen Schichten der Gesellschaft aufeinander treffen lasse und die erklären sich dann gegenseitig, was es zu bedeuten hat. 😉

    Fußnoten würden sicher den Fluß der Handlung stören, zumindest wenn man ständig nach der kleinen Nummer im Fußtext suchen muss. 😉

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    • Ja, jeder Autor sollte das für ihn passende Konzept finden.
      „So einfach wie möglich schreiben“ muss man dann halt immer in Relation setzen zur angepeilten Zielgruppe.
      Da ich mich bekanntermaßen an „intelligente Leserinnen und vereinzelte Leser mit L(i)ebenserfahrung“ wende, liegt die Latte namens „so einfach wie möglich“ natürlich höher als dies bei einem Jugendroman der Fall wäre.

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  2. Gutes Thema. Meinst du wirklich, dass die Leser noch so abwertend über Geschichte und den Geschichtsunterricht denken? Wieso sollten sie sonst einen historischen Roman lesen, wenn nicht aus der Idee heraus aus und über die Zeit was zu lernen? 🙂
    Aber es stimmt schon, dass eine Fußnote zum zugehörigen Medium gehört. Viele Leser stört eine kleine Notiz am Seitenrand, auch wenn sie eigentlich überlesen könnten. Ich bin immer für Fußnoten um Wörter und Sachverhalte schnell zu erklären. ZB die Muntfeier hätte ich jetzt mit eine Volljähigkeitsfeier assoziiert, jedoch bin ich mir nicht sicher. Vor allem nicht, ob du den Begriff richtig genutzt hast, ob er historisch korrekt verwendet wird usw 😉 Aber da spricht wohl die Historikerin aus mir……..

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    • Danke für das Kompliment, aber das Thema ist mir vor die Füße gefallen. Und ja, so denken viele Leser. Eben deshalb scheuen ja so viele vor historischen Romanen oder selbst historisch angehauchtem Setting zurück.
      Da ich durch die Zeitreise-Romanze nun neue Leserschichten ansprechen will, bleibt es natürlich nicht aus, dass diese, eigentlich dem Thema „Geschichte“ gegenüber sehr skeptisch eingestellten Leser dann auch eine meiner im reinen Histo-Setting angesiedelten Geschichten ansehen – und die Problematik mehr oder weniger zum Tragen kommt.
      Die Voreingenommenheit gegenüber Fußnoten, wie ich sie bei mir selbst diagnostiziert habe, scheint übrigens eine Generationenfrage zu sein, denn diese Einstellung habe ich bei den zahlreichen Antwortenden doch vorrangig unter Lesern meiner Altersklasse gefunden. Wahrscheinlich sind wir allesamt durch die Fußnoten in den Karl-May-Reise“berichten“ traumatisiert oder mit ähnlichen Traktaten traktiert worden zu jener Zeit, als man alles lesen musste, was auf den Tisch kam. Weil es sonst nix gab.
      Muntfeier als Volljährigkeitsfeier zu übersetzen passt perfekt. Ob es die dann wirklich in der von mir angedachten Form gab, sei dahingestellt, jedoch lassen die Quellen darauf schließen, dass der Übergang von Mädchen zu (geschlechtsreifer) Frau ein sehr wichtiger Wendepunkt im Leben gewesen sein muss, der sich bis in gesetzliche Regelungen niederschlug (unterschiedliche Höhe des Wergelds für Mädchen vor und Frauen nach Erreichen der Geschlechtsreife).
      Ich zitiere mal Peter Prange mit seinem literarischen Credo, wonach ein historischer Roman immer ein Roman ist und kein Sachbuch. Dabei schreibe ich ja keine historischen Romane, sondern fantastisches Wikingergedöns mit so-könnte-es-gewesen-sein-Setting. *smile*

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