Charakterkonstruktion vs. „eruptiver Charakter“

Der Beitrag von Theresa Link, über den ich kürzlich gestolpert bin, hat mich die letzten Tage beschäftigt. Sie beschreibt darin, wie ein „eruptiver Charakter“ sie in einer Gewitternacht am Schlafen gehindert hat.

Wenn man mit dem Schreiben beginnt, sollte man meiner Erfahrung nach zunächst versuchen, so viel über das Schreiben zu lernen wie möglich. Es gibt die verschiedensten Schreibratgeber, diverse Foren, Blogs und Schreibgruppen, in denen die unterschiedlichsten Methoden angeboten werden. Wenn einem das eine nicht zusagt, einfach frohgemut so lange die nächste und wieder nächste ausprobieren – bis man irgendwann die passende gefunden hat oder sich aus Fragmenten mehrerer eine eigene, ganz individuelle Methode zusammenbasteln konnte.

„Übung macht den Meister“ ist ein vielstrapaziertes, aber dennoch verflucht wahres Sprichwort. Doch irgendwann erreicht man beim Schreiben aufgrund der Übung ein Stadium, in dem nicht mehr das Bewusstsein federführend ist, sondern in dem weite Teile der Handlung automatisiert, durch das Unterbewusstsein gesteuert werden.

Das ist ein bisschen wie das Lernen von Bewegungsabläufen. Vielleicht erinnert sich noch der ein oder andere daran, wie er Fahrradfahren lernte? Am Anfang war da an so viel gleichzeitig zu denken: Pedale treten, Gleichgewicht halten, Lenker steuern, Hand an der Bremse, Pedale treten nicht vergessen! – Hilfe, ein Ball! Wo war jetzt noch mal die Bremse? Und wie hält man das Gleichgewiii…?

Doch zum Glück setzt man sich nach ein wenig Übung aufs Fahrrad und trippelt fröhlich drauflos, ohne dass man einen Großteil seines bewussten Denkens dafür aufwenden müsste. Dem Niederländer an sich (wir waren ja erst dort im Urlaub) ist das Fahrradfahren ja derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass einem auf den Fahrradwegen in Friesland alle Naslang ein windzerzauster Radfahrer entgegenkommt, der breit grinsend in sein Smartphone schaut und Nachrichten liest – oder sogar beidhändig, auf dem Lenker aufgestützt, Nachrichten eintippt! Ob das unbedingt nachahmenswert ist?

Doch genug „off topic“ – wir sollten uns klar darüber sein, das Unterbewusstsein ist hellwach, wenn wir uns mit Theorien über das Schreiben, Plot- und Charakterentwicklung befassen. Es stenografiert mit, und nach einem gewissen Maß der Übung (und so wir es zulassen) übernimmt es einen Teil der Planungsarbeit – und überrascht uns dann, so wie Theresa Link es erging, mit einem „eruptiven Charakter“.

Wenn man bereit ist, die Früchte, die das eigene Unterbewusstsein heranreifen lässt, zu ernten, kann dies eine unglaubliche Arbeitserleichterung sein. Denn der Planungsprozess im Unterbewusstsein läuft quasi nebenher, während wir bewusst arbeiten, einkaufen, essen kochen, lesen, fernsehschauen – oder sogar schlafen!

Wie ist es bei euch? Habt ihr Erfahrung mit „eruptiven Charakteren“? Oder plant ihr eure Protagonisten lieber klassisch am Reißbrett? Wenn ja, auf welche Art? Welche Plot- und Charakterentwicklungsmethoden empfehlt ihr?

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6 Gedanken zu “Charakterkonstruktion vs. „eruptiver Charakter“

  1. Hallo Katharina, ich bin versucht zu sagen: Kommt darauf an. Und irgendwie entwickeln sich meine Figuren aus einer Kombination aus beidem. Da drängelt sich jemand in den Vordergrund und will unbedingt in einer Geschichte auftauchen. Dann mache ich mich daran, ihm oder ihr einen anständigen Hintergrund zu verschaffen. Hier https://biancamriescher.wordpress.com/category/wie-ich-schreibe/figuren-entwickeln/ habe ich mal versucht, die Planung etwas ausführlicher darzustellen. In einer dritten Phase entwickeln meine Figuren dann meistens ein Eigenleben und ich merke recht schnell, welche Eigenschaften, die am „Reissbrett“ (Achtung: in dieser Phase muss ich selbst immer höllisch aufpassen, dass ich keine Klischees produziere) entstanden sind, nicht funktionieren, überarbeitet oder noch stärker herausgearbeitet werden sollten.
    Liebe Grüsse
    Bianca

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  2. Hallo Bianca, vielen Dank für die Einblicke in dein Schaffen!
    Wie du richtig feststellst: Es kommt drauf an – ich selbst arbeite auch nicht nur mit „eruptiven Charakteren“ sondern auch mit solchen, die ich „old school“ geplant habe. Die Kunst ist, beides so geschickt einzusetzen, dass der Leser es nicht merkt, oder?
    Ach, sind wir nicht alle Trickser und Täuscher?
    Ich glaube fast, meine Melwyn würde über uns die Stirne runzeln. „Loki muss ihnen in den Kopf gesprungen sein!“
    Liebe Grüße
    Katharina

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  3. Ehrlich, ich weiß gar nicht, was ein „eruptiver Charakter“ ist, vermutlich, weil ich keine Romane schreibe. Aber mir hat Dein Post etwas sehr wertvolles gegeben. Das Schreiben lernen und dass man es übt und übt, mit dem Fahrradfahren lernen und fahren zu vergleichen, ist einfach genial! Ich möchte gar nicht die „Mechanik“ meines Unterbewusstseins ergründen, um zu wissen wie meine Kurzgeschichten und Ideen entstehen, weil ich mir dann wohl die Kreativität raube. Aber ich stimme Dir voll zu, dass sowohl Übung als eben auch das Unbewusste beim Schreiben die größte Rolle spielt. Und mir fällt ein, dass man beim Lektorat Kompromisse eingeht, um die bestmögliche Literatur zu verkaufen, doch etwas in mir würde sich vehement sträuben, die eigentliche Idee oder die Stimmung eines Textes zu verraten. Aber dazu ist es noch nicht gekommen. Meine Lektorin und ich haben eine gute Streitkultur. 😉

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    • Hahaha, Christoph, das hätte mich aber auch gewundert, wenn du auf Anhieb gewusst hättest, was ein „eruptiver Charakter“ ist. 😀
      Diesen Begriff habe ich nämlich wie seinerzeit mein Kindheitsidol den „Spunk“ kurzerhand erfunden, weil ich in allen Schreibratgebern, -foren und -gruppen immer nur von Charakterplotten mittels ausgeklügelter Rezepte las.
      „Man nehme ein Stereotyp vom Grundmuster A, füge einen Löffel traumatische Kindheitserinnerung und 250 Gramm innere Zerrissenheit hinzu und knete das die Masse gut durch. Man würze das Ganze schließlich mit zwei Messerspitzen dunkler Geheimnisse und lasse den Teig gehen. Zuletzt schmecke man mit einer Prise Witz ab und forme ein in allen Details zu beschreibendes Äußeres.“
      Sich einen Charakter einem Alchemisten gleich zusammenzurühren ist – anscheinend – die übliche Herangehensweise.
      Im Gegensatz dazu befällt mich hin und wieder so ein „eruptiver Charakter“. „Eruptiv“ nenne ich das Phänomen, weil es mich ein wenig an einen Vulkanausbruch erinnert, wenn der Charakter voller Macht, als fix und fertig entwickelte Persönlichkeit den Schritt heraus aus meinem Unterbewusstsein in meine bewusste Gedankenwelt tut.
      Das Praktische ist, all dieses Abmessen, Zusammenrühren, all der Dampf und Rauch, der fürchteriche Gestank nach Schwefel und die Explosionsgefahr in einer Alchemistenküche – ich muss mich da nicht mehr hineinstürzen, denn mein wunderbares Unterbewusstsein hat so lange in irgendeinem tief vergrabenen Kellerraum herumexperimentiert, bis ein lebendiger Charakter herauskam.
      Eine feine und saubere Sache – brauche ich mich doch nicht mit den Ergebnissen der misslungenen Anläufe herumzuärgern!
      Keine Ahnung, wie das Unterbewusstsein das wirklich macht. Die Geschichte von der tief im Keller verbuddelten Alchemistenküche habe ich gerade eben erfunden – nur für dich! 😀

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  4. Okay! Vielen Dank für eine mir bedachte Erfindung! Kann ich auch gut verstehen. „Alchimistenküche“ ist wohl auch dem Genre entnommen, in dem Du arbeitest? Nun, das Prinzip „Überraschung“ der eruptiven Charaktere wird deutlich. Du lässt im Unbewussten für Dich arbeiten. Ich habe im vorigen Kommentar versucht darzustellen, dass ich ohne Hilfe aus dem „Keller“ auch nicht arbeite. Aber eine Frage bleibt. Vulkanausbrüche sind unberechenbar. Sie bleiben entweder aus, wenn man sie braucht, oder kommen, wenn man gerade weltlichere Dinge zu tun hat, als zu schreiben. Bei mir funktioniert das inzwischen so, dass die Dinge „herausbrodeln“, sobald ich Zeit und Ruhe habe, zu schreiben und der erste Satz geschrieben oder getippt ist. Frag mich nicht wie! Vielleicht ein Gentlemen‘s Agreement zwischen mir und dem Alchimisten, da wir ja einander irgendwie – brauchen?

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    • Bei mir „brodelt’s“ wie es will, wenn es um die erste Eruption, sprich die „Geburt“ des Charakters geht. Dann MUSS ich auch ziemlich zügig etwas aufschreiben, aber nicht viel. Eine Szene mit acht bis zwölf Normseiten reicht (mit möglichst viel Handlung und Konflikt, aber so ist halt ein Vulkanausbruch).
      Und dann ein Arbeitsexposé zusammendaddeln. Ist ja kein Aufwand.
      Danach lässt sich auch ein „eruptiver Charakter“ sehr gut auf „on hold“ halten, sprich eintuppern und schockfrosten und bei Zeit und Gelegenheit in die Mikrowelle schieben und schon brodelt der domestizierte Vulkan wieder los.
      Echt nett zu lesen, wie du dein Unterbewusstsein dressiert hast! Gratulation!

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